01.12.16

Ich bin dann mal offline.



Ich sitze im Bus. Durch meine Ohrenstöpsel in meinen Ohren dröhnt meine Lieblingsmusik. Geräusche von der Außenwelt? Abgestellt. Die Welt ist still.  Ich sehe mich um und entdecke, dass es den Menschen um mich herum, genauso geht. Zumindest der "jüngeren Generation", der Social Media Generation. Vorne sitzen drei ältere Damen zusammen. Ich sehe sie angeregt gestikulieren. Ich nehme die Stöpsel aus meinen Ohren und beobachte sie genauer. Sie unterhalten sich über dies und jenes, lachen, der Busfahrer klinkt sich kurzzeitig mit ins Gespräch ein. Pause. Sie schauen einfach nur entspannt aus dem Fenster und beobachten das Geschehen. "Wie schön, dass nach dem ganzen Regen die letzten Tage sich endlich die Sonne mal wieder blicken lässt." Sie hat Recht.

 Ich schaue hinaus. Die Sonne scheint, es ist traumhaftes Wetter. Es sind viele Menschen auf der Straße. Ich höre die Geräusche des Straßenverkehrs und bemerke zwei Kinder Hand in Hand den Fußweg entlang laufen. Hier ein Hupen, dort ein Rufen. Ein Hund, der fröhlich seinem Herrchen hinterher dackelt. Das hatte ich alles gar nicht bemerkt, ganz vertieft in die Musik und darauf bedacht so schnell wie möglich meinen Freunden zu antworten. Hinter mir ein ständiges Piepen und das Handy von dem Gegenüber vibriert die ganze Zeit. Nicht ein einziges Mal schauen sie hoch und sehen das, was ich auch erst jetzt bemerkt habe. Die Welt um uns herum. Die reale Welt! Viel zu sehr vertieft, sich in der Virtuellen zu behaupten.

Wir leben in einer Welt, in der Selbstdarstellung und Selbstverwirklichung die Hauptpunkte des Lebens darstellen. Was ist das nächste Bild auf Instagram? Welchen Filter benutze ich? Wie kriege ich schnell neue Follower? Wir vergessen zu genießen, unter dem ständigen Druck abrufbar und anwesend zu sein. Posten, teilen, tweeten. Wir wollen gesehen und bemerkt werden. Auch Erfolg spielt dabei eine wichtige Rolle. "Ich brauche tausende Follower, weil ich dann was besonderes bin. Weil Menschen mich nur dann mögen." Und was, wenn ich vielleicht nur 20 Likes auf mein Bild habe und mir nur 300 Leute folgen? Was ist dann? Bin ich dann weniger Wert, als Menschen mit Tausenden oder sogar Millionen Followern? Bestimmt das meine Gültigkeit als Person? Oder meinen Coolnessfaktor? Wir sind so sehr damit beschäftigt, uns im Netz gut darzustellen, vor Menschen, die wir nicht kennen. Die mir auf der Straße nicht einmal Hallo sagen oder mich eines Blickes würdigen. Höchstens hinter vorgehaltener Hand über mich tuscheln. Nette Worte? Bestimmt eher nicht. Anstatt dass ich mich bei den Menschen melde und Zeit verbringe, die mir eigentlich am Herzen liegen. Familie und Freunde. Echte Menschen. Zum anfassen.

Wir vergessen uns und das wahre Leben. Wir werden verschlungen von Medien und Informationen, die wir nicht mal alle verarbeiten können. Geblendet von einem Schein aus Perfektion. Natürlich retuschiere ich mir auch mal einen Pickel weg, benutze Filter und stell mich vorzugshaft hin, damit ich schlanker oder besser aussehe? Ein Portaitfoto von der rechten Seite? No way! Bei mir immer nur von links, weil das meine Schokoladenseite ist. Aber der Unterschied ist nu nmal, dass ich das weiß. Und das macht jeder so. Jeder Instagram oder Youtube Star macht das genauso, weil wir Menschen einfach dazu neigen, "perfekt" sein zu wollen. Und da nehme ich mich nicht raus. Ich bin ein Instagram-Suchti und ich weiß manchmal selbst nicht genau, wieso ich jetzt ein Bild poste. Ist es nur aus Lust und Laune oder fühle ich mich unter Druck gesetzt, um im Gespräch zu bleiben und gesehen zu werden? Aber wozu? Und von wem denn?

Eigentlich will ich doch gar nicht immer gesehen werden. Manchmal will ich mich nur verkriechen. Mit meinem Oversized-Pulli, ungeschminkt und Netflix. Manchmal bin ich selbst genervt davon, wie oft ich zum Handy greife und wie oft ich denke "Das wäre bestimmt ein schönes Instagrambild" oder dass ich immer erst im Restaurant mein Essen snappen muss, obwohl ich vor Hunger fast sterbe und es am liebsten verschlingen würde. Es ist ein seltsames Phänomen. Aber ich habe für mich entschieden, dass ich öfter mal die Kopfhörer weglasse und mich umschaue, anstatt nur auf diesen kleinen Bildschirm zu starren. Das Handy zumindest auf lautlos. Das Leben wahrnehmen und die virtuelle Welt einfach mal sein lassen. Und mein Familienessen zu genießen, ohne es auf Snapchat zu teilen. Verpasse ich was? Auf keinen Fall. Ich bekomme sogar mehr mit. Die unvergesslichsten Momente im Leben geschehen offline. Mit echten Menschen. Zum anfassen.
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